Wenn man als Mama eines besonderen Kindes irgendwann tief genug in die Welt der Mikrobiome eintaucht, stolpert man früher oder später über den Begriff FMT – Fäkalmikrobiota-Transplantation.
Im Grunde bedeutet das: Darmbakterien eines gesunden Spenders werden auf jemanden übertragen, dessen Mikrobiom völlig aus dem Gleichgewicht geraten ist. Klingt im ersten Moment ziemlich gewöhnungsbedürftig, ich weiß. Aber wenn man schon alles versucht hat – Diäten, Kräuter, Probiotika – dann klingt es irgendwann gar nicht mehr so abwegig. Dann klingt es nach einer Chance.
FMT und Autismus – was die Forschung sagt (und was sie noch nicht weiß)
Inzwischen weiß man, dass zwischen Darm und Gehirn eine enge Verbindung besteht – die sogenannte Darm-Hirn-Achse. Viele Kinder mit Autismus haben ein gestörtes Mikrobiom, oft begleitet von Verdauungsproblemen, Entzündungen und einer sehr niedrigen bakteriellen Vielfalt.
Gerade in China laufen aktuell einige spannende Studien, in denen Kinder über Wochen hinweg tägliche FMT-Einläufe bekommen. Die Ergebnisse sind teilweise erstaunlich – einige Kinder zeigen Verbesserungen im Verhalten, im Schlaf, in der Aufmerksamkeit. Natürlich ist das alles noch ganz am Anfang, aber für viele Eltern, die sich schon lange im Kreis drehen, ist das ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Der schwierige Weg zum passenden Spender
Was auf dem Papier so einfach klingt, ist in der Realität ein ziemlicher Kraftakt.
Den richtigen Spender zu finden, ist fast wie die Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. Man muss nicht nur den Stuhl selbst untersuchen lassen, sondern auch auf virale Belastungen testen – EBV, Mykotoxine, Herpesviren und vieles mehr. All das kostet, und wenn man nicht gleich beim ersten Versuch einen Glückstreffer hat, summieren sich die Ausgaben schnell.
Natürlich gibt es auch Stuhlbanken in Deutschland und Österreich, aber auch dort sollte man sehr genau hinschauen, welcher Spender wirklich passt – gerade bei komplexen Krankheitsbildern.
Bei MCAS (Mastzellaktivierungssyndrom), wie Henry es hat, empfehlen viele Ärzte sogar frischen Stuhl über Einläufe, weil das Immunsystem auf kleinste Veränderungen empfindlich reagieren kann. Das bedeutet aber auch: Der Spender sollte am besten in der Nähe wohnen. Und das schränkt die Auswahl natürlich noch mehr ein.
Henrys FMT – unser Erfahrungsbericht
Im August war es soweit: Henry bekam seine erste FMT.
Seit 2021 kämpft er mit C. diff Clostridien im Darm – auch wenn er keine akuten Symptome hatte, zeigte jeder Test, dass dort etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Seine bakterielle Diversität war extrem niedrig.
Wir hatten über zwei Jahre hinweg alles probiert: pflanzliche Antibiotika, Probiotika, Ernährung, Kräuter – nichts brachte die Wende. Pharmazeutische Antibiotika kamen für uns nicht in Frage, weil sie seinen Darm noch weiter hätten schädigen können.
Also entschieden wir uns für die FMT – mit all der Hoffnung, die man als Mama in so etwas nur hineinlegen kann.
Henry bekam während seines Aufenthalts vier Mal Pillen und drei Einläufe.
Die Pillen waren eine echte Herausforderung. Sein System reagierte sofort: Reizbarkeit, Unruhe, Stimmungsschwankungen – sein ganzer Körper schien in Alarmbereitschaft. Wir hatten versucht, seine Mastzellen vorher zu stabilisieren, aber die FMT-Kapseln haben alles durcheinandergebracht.
Es fühlte sich an, als würde er innerlich gegen etwas kämpfen, das ich nicht sehen konnte.
Ich sage oft, er war in dieser Zeit „wie der tasmanische Teufel“ – voller Energie, aber völlig außer Kontrolle und nicht Herr seiner Sinne.
Die Einläufe hingegen waren erstaunlich gut verträglich. Keine Probleme, wenig Reaktionen. Nach etwa zwei Wochen hat sich Henry wieder stabilisiert, war wieder „er selbst“.
Jetzt, ein paar Wochen später, wirkt er insgesamt etwas ausgeglichener – und Ende des Monats machen wir den nächsten Stuhltest, um zu sehen, ob sich auch im Inneren etwas verändert hat, aber in der Regel haben sich die Clostridien nach einer Intensiv-Woche FMT zu 99% erledigt.
Ein kleiner Funken Hoffnung
Die FMT ist kein Wundermittel. Es ist aufwendig, teuer und nicht ohne Risiko. Aber es ist ein Schritt – ein Versuch, dem Körper wieder die Chance zu geben, sich selbst zu regulieren.
Ich weiß nicht, ob sie für Henry den großen Unterschied machen wird. Aber ich weiß, dass wir alles tun, um ihm den bestmöglichen Weg zu ebnen.
Ich werde die Studien zu FMT und Autismus weiter verfolgen und berichten, was sich tut.
Für uns bleibt der Darm eine riesige Baustelle – aber eben auch ein Ort, an dem Heilung beginnen kann.
Und vielleicht ist FMT eines Tages nicht mehr nur eine letzte Option, sondern ein fester Bestandteil in der Behandlung vieler Kinder wie Henry.


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